Ursprung der Mainzer Fastnacht
Die Mainzer Fastnacht — in Mainz „Meenzer Fassenacht“ genannt — geht auf den christlichen Kalender zurück: Sie endet mit dem Beginn der Fastenzeit in der Nacht von Dienstag auf Aschermittwoch. Erste Erwähnungen finden sich im 14. und 15. Jahrhundert. Damals warnen Verordnungen vor übermäßiger Völlerei und Ausschweifungen.
Im 15. Jahrhundert beschreibt der Gelehrte Dietrich Gresemund die Fastnacht als ein unorganisiertes Volksfest mit Maskerade, Essen und Trinken. An den Höfen der Kurfürsten wurde die Fastnacht im 17. Jahrhundert dagegen pompös gefeiert; Rollen wurden dort spielerisch neu verteilt. Ende des 18. Jahrhunderts (1775) beendete Kurfürst von Erthal diese höfischen Spiele. Danach verlor die Fastnacht an Bedeutung und wurde vor allem in höheren Gesellschaftsschichten bei Maskenbällen gepflegt.
Ab 1823 reformierte Köln die Fastnacht: Sitzungen und der Rosenmontagszug entstanden. Diese Neuerungen verbreiteten sich über Handelsbeziehungen auch nach Mainz. 1837 organisierte Mainz den ersten Rosenmontagsumzug unter dem Namen „Krähwinkler Landsturm“ — mit der späteren Mainzer Ranzengarde als ältester Korporation.
Der Kaufmann Nicolaus Krieger wollte die rohe, unorganisierte Fastnacht zivilisieren und zugleich Tourismus und Handel fördern. Aus dieser Entwicklung entstand 1838 der Mainzer Carneval Verein, der bis heute die Straßenfastnacht in Mainz mitprägt.
Die Anfänge der Finther Fastnacht
Für das 19. Jahrhundert fehlen genaue Aufzeichnungen über Fastnacht in Finthen. Politische Fastnacht war in dem dörflich‑konservativen, überwiegend katholischen Ort kaum ausgeprägt.
Erst in den 1920er Jahren gibt es belegbare Aktivitäten:
- 23.02.1925: Der „Gickelsverein Finthen“ veranstaltet einen närrischen Abend im Turnerheim.
- 19.02.1927: Der „Karnevalverein Finthen“ lädt zu einer Sitzung mit Rednern und der Feuerwehrkapelle ein. Es gab damals bereits eine Finther Prinzengarde.
Ein wichtiger Vorläufer des heutigen FCV war der „Carneval und Sparverein Knorrnkepp“, gegründet am 11.03.1928. In der Satzung verpflichteten sich die Mitglieder zur Pflege der Fastnacht. Als Sparverein zahlte jedes Mitglied wöchentlich 1 Mark in ein Depot, das zur Finanzierung der Kampagne diente. Die Knorrnkepp organisierten Maskenbälle, Sitzungen und Umzüge. Der Vorstand bestand aus mehreren gewählten Mitgliedern; die letzte Sitzung fand 1938 statt, danach löste sich der Verein auf.
Gründung und frühe Jahre des FCV (1947–1950er)
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Vereinsleben zunächst stark eingeschränkt. 1947 jedoch wurde die Gründung des Finther Carneval Vereins (FCV) in Angriff genommen. Mit einem Schreiben vom 16.03.1947 an die Bürgermeisterei Finthen und die Militärregierung begann der offizielle Gründungsprozess. Die Unterzeichner waren Franz Brill, Ludwig Ries, Ludwig Weiser, Johann Andres und Philipp Herbert.
Die Gründungsversammlung fand am 13.09.1947 im Jungenfeldschen Garten statt; 30 Personen waren anwesend. Der erste Vorstand setzte sich wie folgt zusammen:
- 1. Vorsitzender: Franz Brill
- 2. Vorsitzender: Ludwig Ries
- Kassierer: Ludwig Weiser
- Schriftführer: Helmut Deichmann
- Beisitzer: Johann Andres, Philipp Herbert
Der Monatsbeitrag betrug 1 Reichsmark; Mitglied konnte werden, wer mindestens 18 Jahre alt war. Ehemalige NSDAP‑Mitglieder waren zunächst von Vorstandsämtern ausgeschlossen und mussten einen Fragebogen ausfüllen.
Erste Kampagnen und Erfolge
Schon 1948 organisierte der junge FCV mehrere Veranstaltungen — trotz Genehmigungsvorbehalt durch die Militärregierung. Sitzungen und Maskenbälle waren schnell ausverkauft. Die literarische Zensur prüfte Texte vorab, um Genehmigungen zu erhalten. Die Mainzer Carneval Club (MCC) unterstützte den FCV in der Anfangszeit, auch durch das Tragen ihrer Kappen im ersten Komitee.
Die erste Kampagne war ein Erfolg: Aus den Erlösen spendete der FCV 1.800 Reichsmark an die Gemeinde für notleidende Familien und unterstützte die Kirche. Ende 1948 hatte der Verein 100 Mitglieder.
Interne Konflikte und Neuwahlen
Am 17.07.1948 kam es zu einem heftigen Streit über die Finanzierung der Schoppesänger; daraufhin traten mehrere Vorstandsmitglieder zurück. Später wurde Ludwig Ries zum Vorsitzenden gewählt. Die Währungsreform 1948 führte zu finanziellen Einbußen: Aus 3.986,40 Reichsmark blieben nur 398,64 DM.
Der Kleine Rat und Vereinsaufbau
Bereits 1948 bildete sich ein Arbeitstrupp, der sich um Bühnenbau, Saaldeko und Bewirtung kümmerte — der Vorläufer des heutigen Kleinen Rats. Erste Mitglieder waren u. a. Hans Becker, Philipp Bender, Anton Friedrich, Rudi Feick und weitere. Verantwortlich waren Ludwig Weiser und Willi Schmitt.
1949 übernahm Karl Ries das Amt des Sitzungspräsidenten. Ab 1951 gab der FCV erstmals Liederhefte heraus; der Kindermaskenball wurde eingeführt. 1952 übernahm Reinhold Silz den Vorsitz und blieb 20 Jahre im Amt. In den 1950er Jahren entstanden die Emaille‑Orden, die Schoppesänger spalteten sich 1952 ab, und die Zahl der Veranstaltungen stieg weiter.
Entwicklung in den 1960er und 1970er Jahren
- 1959: Gründung der Amazonengarde (Leitung: Margot Schäfer) in blau‑weiß.
- 1962: Fastnacht wurde wegen der Sturmflutkatastrophe in Hamburg abgesagt; erstmals erschien das Fastnachtmagazin „Narrenspiegel“.
- 1965–1968: Kooperationen mit der Sängervereinigung; Sitzungen außerhalb Finthens; die Trachtenkapelle etablierte sich.
- 1969–1972: 2×11‑Jubiläum (1969) und 25‑jähriges Jubiläum (1972) mit prominenten Gästen; Gründung des 111er Club; personelle Wechsel nach dem Tod von Reinhold Silz und Ludwig Geyer.
1974 begann eine neue Ära mit Sitzungen im Bürgerhaus; die erste Herrensitzung dort war restlos ausverkauft. Die Geschäftsstelle zog mehrfach um; 1978 richtete der FCV die Kerb aus. 1980 startete das erste Sommerfest, dessen Erlöse dem Zug zugutekamen.
Höhepunkte und Herausforderungen (1980er–1990er)
- 1982: Vorstandswahl mit Albert Becker als 1. Vorsitzendem.
- 1985: Einführung des Altweiberballs; Übergabe des Marschallstabs des Finther Gickel an Stefan Frenz.
- 1986: Erstes Ordensfest; Stefan Frenz wird Sitzungspräsident.
- 1991: Fastnachtsausfall wegen des Golfkriegs; Wechsel im Zugmarschallsamt: Ludwig „Patrick“ Schmitt übernimmt, später unterstützt von Marc Ehling.
In den 1990er Jahren wuchs der Zug weiter; die Organisation wurde immer anspruchsvoller. 1992 fand das Sommerfest vorerst zum letzten Mal statt.
Zug der Finther Lebensfreude — Entwicklung und Professionalisierung
Der erste Fastnachtsumzug in Finthen fand 1949 statt — zunächst improvisiert mit einer Kutsche und einer Ein‑Mann‑Kapelle. 1953 organisierte Zugmarschall Johann Andres den ersten offiziellen „Zug der Finther Lebensfreude“ mit einem festen Zugweg durch Finthen. In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Umzug stetig: 1961 zählte man 33 Zugnummern, 1965 bereits 51, 1970 61 Zugnummern und 6 Musikzüge.
1986 säumten bis zu 50.000 Besucher die Strecke; Ende der 1990er und Anfang 2000er Jahre erreichte der Zug zeitweise rund 120 Zugnummern und bis zu 80.000 Besucher. Diese Größe brachte jedoch Probleme: randalierende Jugendgruppen, hoher Polizeieinsatz und stark steigende Organisationskosten. Nach der Love‑Parade‑Katastrophe und verschärften Auflagen stiegen die Kosten für den Zug deutlich — aus anfänglichen 6.000 € wurden bis 2020 fast 30.000 €.
Um den Zug zu sichern, begann der FCV 2014 mit professioneller Vermarktung. Als Hauptsponsor gewann man die VR Bank Mainz; der Zug firmiert seitdem als „VR Bank Mainz – Zug der Finther Lebensfreude“. Weitere Sponsoren wie Pütz & Lehr, Entega, Fraport AG und das Atrium Hotel unterstützen den Zug. Zusammen mit Spenden des 111er Clubs und Einnahmen aus Vereinsveranstaltungen konnte der Zug erhalten werden.
Herrensitzung, Altweiberball und weitere Veranstaltungen
Die Herrensitzung war lange eine der populärsten Veranstaltungen des FCV, besonders in den 1970er und 1980er Jahren. Mit der Zeit nahm das Interesse ab; 2002/2003 führten Zwischenfälle und sinkende Kartenverkäufe zum Ende dieses Formats. Danach wurden verschiedene Formate getestet (z. B. HeDa‑Sitzung), die sich nicht dauerhaft durchsetzten.
Der Altweiberball war über Jahre ein Publikumsmagnet mit bis zu 1.000 Besucher:innen. Mit der Zeit verlor er jedoch an Zuspruch, weil andere Vereine ähnliche Angebote schufen und Open‑Air‑Veranstaltungen in Mainz das Publikum verteilten. 2016 musste der Altweiberball aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden.
Neuere Entwicklungen (2000er–2010er)
In den 2000er‑ und 2010er‑Jahren hat sich der FCV an veränderte Rahmenbedingungen und neue Erwartungen angepasst. Finanzielle Engpässe und steigende Organisationskosten zwangen den Verein, seine Strukturen zu überdenken und neue Einnahmequellen zu erschließen. Gleichzeitig wurden Formate und Veranstaltungen geprüft, modernisiert oder eingestellt, wenn sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar waren.
Wichtige Punkte dieser Periode
- Finanzielle Konsolidierung: Nach schwierigen Jahren wurden Ausgaben gestrafft und Einnahmequellen diversifiziert, um die Zahlungsfähigkeit des Vereins langfristig zu sichern.
- Veranstaltungsportfolio: Klassische Formate wie die Herrensitzung und später auch der Altweiberball verloren an Zuspruch; der Verein testete neue Formate und passte Programme an veränderte Publikumswünsche an.
- Professionalisierung der Organisation: Die Planung großer Veranstaltungen wurde zunehmend professioneller. Zuständigkeiten wurden klarer verteilt, Arbeitsabläufe dokumentiert und externe Dienstleister gezielter eingebunden.
- Sponsoring und Vermarktung: Um den Zug und andere Großveranstaltungen zu erhalten, wurde aktiver Sponsoring‑ und Marketingarbeit betrieben. Das brachte neue Einnahmen und erhöhte die Sichtbarkeit des Vereins in der Region.
- Sicherheitsanforderungen: Nach nationalen Unglücksfällen und verschärften Auflagen stiegen die Anforderungen an Sicherheitskonzepte und Versicherungsschutz; das wirkte sich deutlich auf die Kosten und die Planung aus.
Digitalisierung des Ticketverkaufs
Der FCV gehörte zu den ersten Fastnachtsvereinen in der Region Mainz, die frühzeitig auf Online‑Ticketverkauf setzten. Ziel war es, den Kartenverkauf moderner, sicherer und transparenter zu gestalten.
Diese frühe Digitalisierung half dem Verein, Einnahmen stabiler zu planen und die Organisation großer Veranstaltungen effizienter zu gestalten.
Organisation und Ehrenamt
Der FCV lebt vom Engagement vieler Ehrenamtlicher. Über die Jahre entstanden feste Gremien, Arbeitsgruppen und Projektteams, die die Vereinsarbeit tragen. Die Vereinsstruktur verbindet traditionelle Rollen (Komitee, Kleiner Rat, Garden) mit modernen Arbeitsweisen und klaren Verantwortlichkeiten.
Aufgabenverteilung
- Komitee und Kleiner Rat: Beide Gremien übernehmen Planung, Durchführung und Nachbereitung von Sitzungen, Umzug und Festen. Der Kleine Rat ist traditionell für handwerkliche und logistische Aufgaben zuständig; das Komitee übernimmt repräsentative und organisatorische Aufgaben.
- Zugausschuss / Projektteams: Für den Zug der Finther Lebensfreude und andere Großprojekte wurden spezialisierte Teams gebildet, die sich um Genehmigungen, Sicherheit, Sponsoring und Kommunikation kümmern.
- Event‑ und Finanzteams: Zuständig für Budgetplanung, Sponsorenpflege, Abrechnung und Fördermittel.
Ehrenamtliche Kultur
- Teamarbeit: Viele Aufgaben werden in kleinen, verlässlichen Teams erledigt; neue Mitglieder werden aktiv eingebunden und geschult.
- Anerkennung: Engagement wird durch Ehrungen, Orden und öffentliche Danksagungen gewürdigt.
- Nachwuchsarbeit: Der Verein fördert gezielt die Einbindung junger Aktiver, etwa in Garden, Jugendgruppen und bei der Organisation von Veranstaltungen.
Prozesse und Transparenz
- Dokumentation: Arbeitsabläufe, Checklisten und Verantwortlichkeiten sind dokumentiert, um Wissen zu sichern und Übergaben zu erleichtern.
- Kommunikation: Regelmäßige Treffen, digitale Kanäle und Protokolle sorgen für Abstimmung zwischen den Gremien.
- Freiwilligenmanagement: Einsatzpläne, Briefings vor Veranstaltungen und Nachbesprechungen verbessern Effizienz und Sicherheit.
Zukunftsfähigkeit
Der FCV setzt auf eine Mischung aus Tradition und Modernisierung: Ehrenamtliche Kompetenz bleibt zentral, gleichzeitig werden digitale Werkzeuge, klare Prozesse und gezielte Öffentlichkeitsarbeit genutzt, um den Verein für kommende Generationen attraktiv und handlungsfähig zu halten.
Fazit
Der FCV hat sich seit seiner Gründung 1947 von einer kleinen Nachkriegsinitiative zu einem festen Bestandteil des Finther und Mainzer Fastnachtslebens entwickelt. Trotz Rückschlägen, wirtschaftlicher Herausforderungen und sich ändernder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen blieb der Verein beständig: durch ehrenamtliches Engagement, Sponsorenunterstützung und die Treue vieler Mitglieder und Freunde.
Danke
Zum Schluss möchten wir als FCV all denen danken, die mit ihren Beiträgen diese FCV Historie bereichert haben – Werner Lehr, Kurt Merkator, Herbert Schäfer, Volker Conradi und Kevin Gladden.
